Es ist ungefähr sechs Jahre her. Meine langjährige beste Freundin hatte mich an ihren neuen Lover für ein paar billige Komplimente verraten und verkauft. Er vergötterte sie aufgrund ihres Aussehens und kaufte ihr jedes Wort ab, das von ihren Lippen kam. Sie war die Gute, ich die Schlechte und allenfalls gut genug, in ihrem Schatten zu wandeln und in Demut ihre Schleppe zu tragen. Aber nicht nur das. Haltlose Anklagen und Unterstellungen von seiner Seite ließ sie einfach auf mir sitzen. Ich war fassungslos über ihre Parteilichkeit und Ignoranz gegenüber meinen verletzten Gefühlen.
Natürlich lehnte ich mich gegen all diese Verleumdungen und Ungerechtigkeiten auf, aber ihre letzten Worte per Email waren, dass ich mit dem Hass in meinem Herzen fertig werden solle, dann sei es wenigstens für etwas gut gewesen.
Hass in meinem Herzen?! Das hatte mir gerade noch gefehlt! Wie sollte ich vor Jesus treten mit Hass in meinem Herzen? Gott hasst den Hass, da war ich mir sicher. Aber wie diese Personen lieben, die einen mit verletzenden Worten und aus der Luft gegriffenen Unterstellungen zu solch negativen Gefühlen gedrängt hatten? Ein ganzes Jahr lang litt ich unter meiner Unfähigkeit, dieser Freundin verzeihen zu können, geschweige denn, sie lieben zu können, wie Jesus es uns aufgetragen hatte. (Mat 5,44)
Das Gebet als Akt der Verzweiflung
Ich fuhr regelmäßig zum Kloster Kamp und bat Jesus um Hilfe. Ich wollte diesen Hass in meinem Herzen nicht. Ich wollte Jesus gefallen, Ihm wohlgefällig sein. Für mich war klar: mit dem Hass auf diese Ex-Freundin und ihren Verehrer konnte das nicht gehen. Ich war verzweifelt, weil nichts fruchtete. Kein Gebet und keine Bitte schienen Abhilfe zu schaffen. Ich war plötzlich in Bedrängnis geraten und das, obwohl ich unschuldig angeklagt und verurteilt worden war.
Eines schönen Tages fuhr ich wieder zum Kloster. Ich stellte mich vor eine Pietà, eine Skulptur, wo Jesus als Gekreuzigter in den Armen seiner Mutter liegt, und hörte mich sagen: “Jesus bitte, wenn Du mich wirklich liebst und Du mir ein Geschenk machen möchtest, dann segne mich in dem Hass auf diese Frau. Ich kann sie nicht lieben. Ich kann sie noch nicht einmal lieben wollen. Und wenn ich so etwas sagen würde, wäre ich der größte Lügner vor dem Herrn.”
Das war keine mutige Aktion, eher ein Akt der Verzweiflung, weil nichts mehr ging.
Ich weiß noch, dass ich völlig zerknirscht nachhause gefahren bin. Ich dachte: Was für ein Unsinn, so etwas von Jesus zu erbitten! Als wenn Er das erhören würde! Er hasst den Hass!” Ich glaube, ich wäre heute vielleicht noch Christin, aber eine sehr unglückliche, wenn nicht folgendes passiert wäre:
Die Entdeckung im Bus
Ich saß am nächsten Morgen wie immer im Bus auf dem Weg zur Arbeit und holte meine kleine Gute-Nachricht-Bibel hervor. Ich las jeden Morgen darin. Nichts Spezielles. Einfach das, was mir beim Aufschlagen in die Hände fiel. So auch an jenem Morgen. Ich stieß auf Psalm 55 mit der Überschrift “Vom Freund verraten”.
Das ist mein Thema, dachte ich etwas überrascht, und begann zu lesen.
Ich liebe David heute noch dafür, dass er seinem Herzen damals vor über 2000 Jahren Luft machte, indem er über seinen Freund, der ihn verraten hatte, schrieb:
„Wäre er immer mein Feind gewesen, er, der mich jetzt beschimpft – ich könnte es ertragen! Hätte er mich immer schon gehasst, er, der sich über mich erhebt – ich wäre ihm aus dem Weg gegangen.
Doch nein, du bist es, ein Mann von gleichem Rang, mein engster und vertrauter Freund!
Wie haben wir unsere Gespräche genossen; einmütig gingen wir in Gottes Haus!
Der Tod soll meine Feinde holen, ganz überraschend soll er für sie kommen! Lebend sollen sie hinunter in die Totenwelt; denn die Bosheit wohnt in ihren Häusern und Herzen!
Ich aber schreie zu Gott, und er, der Herr, wird mir helfen.
Am Abend, am Morgen und am Mittag bringe ich mein Klagen und Stöhnen vor ihn, und er hört mich!
Er rettet mich und bewahrt mein Leben bei allen Angriffen meiner Feinde; denn viele werden mir zur Seite stehen.
Gott, der seit Menschengedenken regiert, hört mein Gebet und zahlt es ihnen heim; denn sie wollen sich nicht ändern und weigern sich, ihn ernst zu nehmen.
Der Verräter vergreift sich an seinen Freunden und bricht das feierliche Bündnis.
Süß wie Sahne sind seine Worte, aber sein Herz denkt nur an Krieg. Glatt wie Öl fließt seine Rede, doch jedes Wort ist ein spitzer Dolch.
Wirf deine Last ab, übergib sie dem Herrn; er selber wird sich um dich kümmern! Niemals lässt er die im Stich, die ihm die Treue halten.“ (Psalm 55,13-23)
Angenommen. Auch mit Hass.
Ich war baff. Ins Totenreich würde selbst ich meine ehemals beste Freundin nicht wünschen, aber Davids Klagen über seinen Freund sprachen mir aus der Seele. Und David WAR ein Mann nach dem Herzen Gottes! Gott hat David erst einmal angenommen MIT dem Hass in seinem Herzen und ihn nicht gemaßregelt oder gar verstoßen.
Ich kann nicht sagen, wie viele Steine mir vom Herzen gefallen sind, aber eins kann ich mit Gewissheit sagen: Gott ist immer größer als wir Ihn denken können!
Psalm 31, 8-9 trifft diese Erleichterung auf den Punkt:
Ich will jauchzen und mich freuen über deine Gnade, dass du mein Elend angesehen, die Bedrängnisse meiner Seele erkannt hast, dass du mich nicht überliefert hast in die Hand des Feindes, sondern meine Füße auf weiten Raum gestellt hast.
Ich kann nur sagen: Halleluja! Mehrfach Halleluja!